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#BAJMT Moderne Kurzopern auf antike Mythen

Porträt von Darius Milhaud

In der Sommerproduktion 2021 der #BAJMT Bundesakademie für junges Musiktheater kommen drei Kurzopern des französischen Komponisten Darius Milhaud (1892-1974) auf die Bühne des Schlosstheaters: »Les Opéras-Minute«. Junge Musiktheater-Enthusiast*innen zwischen 16 und Anfang 20 erarbeiten zusammen mit erfahrenen Musiktheaterprofis die Produktion von der Konzeption bis zur Premiere. Vom 5.-7. Mai treffen sich die Beteiligten zum ersten Konzeptionsworkshop; er findet, den aktuellen Corona-Bedingungen geschuldet, online statt.

Ehe es soweit ist, werfen wir einen Blick auf den Komponisten und die drei Opern: 

Worum geht es da?

Drei kurze Handlungen aus dem antiken Mythos zeigen, was Liebe und Begehren so anrichten.

  • Europa verschmäht ihren Verlobten Pergamon und kuschelt lieber mit Tieren – insbesondere einem Stier, der in Wirklichkeit der verwandelte Gott Zeus ist. Bei einem Stelldichein der beiden am Strand will der eifersüchtige Pergamon den Stier erschießen, doch der Gott lenkt den tödlichen Pfeil auf den Angreifer und entführt Europa übers Meer. (»L’Enlèvement d‘ Europe«)
  • Ariadne liebt ihren Gatten Theseus nicht, während ihre Schwester Phädra ihn vergeblich begehrt. Die Schwestern begegnen dem als Bettler verkleideten Gott Dionysos und spenden ihm eine Gabe. Da verwirrt Dionysos Theseus‘ Sinne mit Wein, und dieser verlässt mit der verschleierten Phädra, die er für Ariadne hält, die Insel Naxos. Ariadne verwandelt der Gott auf ihren Wunsch in einen Stern am Himmel. (»L’Abandon d’Ariane«)
  • Phädra, inzwischen Gattin des Theseus, begehrt ihren Stiefsohn Hippolyt, der sich ihr entzieht, weil er Aricia liebt. Als Theseus vom Krieg heimkehrt, bezichtigt sie ihn unsittlicher Annäherung. Theseus verurteilt Hippolyt, vor der Stadt mit einem Untier zu kämpfen, während er von seinem überstandenen Kampf erzählt. Der Chor berichtet vom Tod Hippolyts, dessen Freund ersticht aus Rache Phädra. Theseus lässt den Freund töten, beklagt das Verhängnis der Götter und tröstet sich mit Aricia. (»La Déliverance de Thesée«)

Was ist das Besondere daran?

Die Kürze, Zuspitzung auf wenige Akteure, die Konzentration jedes Stücks auf eine einzige Handlung, die musikalische Vielfalt in komprimierter Form. Die Kurzopern sind ebenso Parodien (mit durchaus komischen Zügen) wie Modellstücke, quasi Opern-»Konzentrate« mit viel Potenzial für kreative szenische Umsetzung.

Und was macht sie so interessant?

Genau das. Die Zuspitzung auf je eine Handlung und der musikalische Facettenreichtum macht sie zu guten Einsteiger-Stücken – für Zuschauende wie für Inszenierung und Darstellung. Es sind moderne Stücke, die zugleich mit ihren antiken Sujets quasi die Gattung Oper und die Operngeschichte reflektieren. Und die Musik – wie jede Opernmusik immer stärker in der Wirkung, je besser man sie kennt – ist farben- und abwechslungsreich, zugänglich und interessant. Last but not least: Sie sind nicht sehr bekannt – also erst zu entdecken!

Der Kontext der »Opéras minute«:

»Die Entführung der Europa« komponierte Darius Milhaud im Auftrag des deutschen Komponisten Paul Hindemith und Festivalleiters für das Musikfest Baden-Baden 1927. Dieses Festival widmete sich in der Nachfolge der (damaligen) Donaueschinger Musiktage der zeitgenössischen Kammermusik; entsprechend ist auch Milhauds Beitrag – wie der anderer Komponisten (z.B. Ernst Tochs »Prinzessin auf der Erbse«, das »Mahagonny Songspiel« von Kurt Weill oder Hindemiths »Hin und zurück« u.a.) für eine kleine Instrumentalbesetzung geschrieben.

Während der auch in musikalischer Hinsicht sehr produktiven und innovativen 1920er Jahre strebten Autoren, Komponisten und Regisseure nach Überwindung des (spät-)romantischen, wagnerisch geprägten Musikdramas und nach Erneuerung der Oper. Dabei beschritten sie ganz unterschiedliche Wege: Manche, wie beispielsweise bei Busoni, Strawinsky oder auch Richard Strauss griffen zurück auf die klassische Musiksprache (etwa Mozarts -> Neoklassizismus). Andere wie z.B. Paul Hindemith oder George Antheil suchten bewusst nach modernen Themen und Formen, vertonten Gegenwartsstoffe und Alltagsthemen; manche – wie Kurt Weill, Ernst Krenek oder auch Darius Milhaud – griffen Jazz und andere Unterhaltungsmusik auf. In Abgrenzung vom Gefühlsüberschwang der »romantischen« Oper ist die Haltung der Komponisten zu ihren Sujets oft distanzierter, lakonischer (gelegentlich auch ironisch) und mehr auf die Beobachtung und Darstellung als auf die direkte Identifikation mit den Protagonisten gerichtet. Daher wird hier zuweilen der (eigentlich aus der bildenden Kunst stammende und nicht ganz passende) Begriff der Neuen Sachlichkeit gebraucht.

Bald nach der Uraufführung des nur rund 8-9 Minuten dauernden »L’Enlèvement d‘ Europe« (Die Entführung der Europa) komponierte Milhaud noch im Sommer 1927 die beiden Nachfolgestücke »L’Abandon d’Ariane« (Die verlassene Ariane) und »La Déliverance de Thesée« (Der befreite Theseus) und schuf damit einen kleinen, für gemeinsame Aufführung gedachten Werkkomplex von etwa einer halben Stunde. Alle drei Stücke stellen präganten Einzelhandlungen aus dem griechischen Mythos dar. Die Stücke folgen einer Chronologie innerhalb des Mythos – so ist das Kind der Verbindung von Europa und Zeus, von der im ersten Stück erzählt wird, Minos, der Vater von Ariadne und Phädra im zweiten Stück. Phädra erscheint im dritten Stück wieder als Gattin von Theseus. Ansonsten stehen die Stücke für sich und sind auch musikalisch eigenständig.

Wie die französischen Titel deutlich erkennen lassen, stellen die Stücke jeweils die Handlung in den Mittelpunkt: Das Geschehen (und seine Schilderung durch den solistisch besetzten Chor) hat Vorrang vor dem Empfinden der Figuren. Diese Handlung wird in sehr abwechslungsreicher und teilweise fast gestischer Musik entfaltet: aufgrund der Kürze der Opern in sehr konzentrierter Form.

Mit dem Chor, der das Geschehen kommentiert, nutzt Milhaud ein zentrales Element des antiken Dramas (er hatte sich schon vor dem Baden-Badener Kompositionsauftrag mit antiken Stoffen musikalisch beschäftigt): War die Oper als Kunstform in der Renaissance aus dem Versuch einer Wiederbelebung des antiken Dramas entstanden, so besinnt sich die Neudeutung der Oper abermals auf ihre Wurzeln.

Darius Milhaud

Darius Milhaud war ein enorm produktiver Komponist mit Begeisterung für das Theater, er komponierte 15 Opern – von den Opéras minutes bis zum großdimensionierten Werken wie »Christophe Colombe« (1998 in einer Inszenierung von Peter Greenaway an der Staatsoper Unter den Linden/Intendanz Georg Quander), darunter mehrere mit antiken Stoffen (»Oresteia«, »Les choephores«, »Les eumenides«, »Les malheurs d’Orphée« [Orpheus‘ Unglück] sowie eine »Medea«); außerdem schrieb er Schauspielmusiken, Ballette sowie Partituren für Film und Radio. Stilistisch ungeheuer vielseitig und wandlungsfähig, ließ er sich von Jazz, Folklore und Unterhaltungsmusik inspirieren und experimentierte mit neuen Formen und Harmonien. Dabei ist seine Musik ist immer plastisch, oft spielerisch, stets dem dramatischen Geschehen verpflichtet und zugänglich. Milhaud stammte aus einer jüdischen Familie mit italienischen Wurzeln mütterlicherseits, interessierte er sich sehr für Literatur und bildende Kunst; Als junger Mann arbeitete er einige Jahre als Botschaftssekretär in Rio de Janeiro, zusammen mit Henri Etienne Hoppenot, dem Textdichter der Opéras minutes); nach seiner Rückkehr schloss er sich dem Kreis um Jean Cocteau (-> Les Six) an.

Autorin: Barbara Maria Zollner


Bild: Darius Milhaud ist Komponist der »Les Opéras-Minute«. (c) Archiv Universal Edition